Brandenburger Jagdwesen auf tierschutzwidrigem Holzweg

Der Förster – nicht nur Wildfeind sondern auch waldschädlich?

Eine abstruse Frage!

Die Beziehung der Deutschen zum Wald ist besonders: Wälder werden genutzt, geliebt und verehrt. Was macht der Wald mit den Menschen? Warum ist er so wichtig für das Wohlbefinden und die Seele? Viele Sagen und Mythen ranken sich um den oftmals dunklen und undurchdringlichen Wald. Die Römer vermuteten dort einst wilde Tiere wie Einhörner oder Elefanten. In der mittelalterlichen Nibelungensage ist der Wald ein mystischer Ort von Drachen, Helden und Waldwesen. Die Dichter der Romantik dagegen besingen die Natur und glauben, im Wald eine deutsche Identität gefunden zu haben.

  • O schöner, grüner Wald,
  • Du meiner Lust und Wehen
  • Andächtger Aufenthalt!

Und mittendrin der Förster, der das alles hegt und pflegt. Allseits beliebt. Forsthaus Falkenau hat in 25 Jahren über 7 Millionen Fans geworben!

Ist der Herr Förster ebenso ein Mythos wie der deutsche Wald?

Da haben wir mal den von der Forstpartie überhaupt nicht geliebten Förster Peter Wohlleben. Der sagt ganz frech: „Förster gelten ja im Allgemeinen als Naturschützer, als Waldhüter, doch das stimmt nicht. In unserer Forstwirtschaft bestimmt vor allem eine knallhart kalkulierte Holzproduktion die Regeln.  Alle Informationen über den Wald stammen von Förstern, die staatliche Forstverwaltung hat in Deutschland ein Beratungsmonopol. Förster aber sind eine Nutzergruppe, genau wie Landwirte. Und Nutzergruppen sollte man deshalb misstrauen, weil sich in ihren Darstellungen Eigeninteressen und allgemeine Wünsche vermischen.“

Der Fairness halber: die überwiegende Mehrzahl der Förster in den Revieren und Amtsstuben der Forstpartie in Deutschland ist weder wildfeindlich noch geldgierig oder inkompetent. Aber die Forstpartie ist straff organisiert, gewinnorientiert, politikabhängig und wird, ob Bundes- oder Landesforst, von Ministern und oberen Forstbeamten geführt. Und da passierts:

Der Fisch stinkt vom Kopf her.

Unter dem Druck des Klimawandels und nicht zuletzt in Folge jahrzehntelanger falscher Forstpolitik hat eine ungute Entwicklung eingesetzt – wir haben das in diesem Jagdrechtsblog schon oft gegeißelt.

Nun, der Hund bellt und die Karawane zieht weiter. Ob wir was geißeln oder in Hamburg ein Spaten umfällt, interessiert die Forstpartie kein bisschen. Wir bekommen auf Briefe nicht mal Antworten – von unseren Ministern in Brandenburg nicht und von Frau Klöckner – die allerdings erkennbar von Forst und Jagd nun rein garnix versteht – auch nicht.

Aber wir sind nicht allein.

Nachstehend drucken wir einen beeindruckenden Brief ab, den der weit über Brandenburg hinaus bekannte Wildbiologe Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel vor einigen Tagen an den brandenburgischen Ministerpräsidenten gerichtet hat. Wir haben den redigiert, mit Zwischenüberschriften versehen, und Teile fett gedruckt – das Original fügen wir im Anhang bei.

 

Offener Brief von Prof. Dr. Pfannenstiel

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

im letzten Jahrzehnt hat sich das Jagdwesen Brandenburgs in einer Art und Weise verändert, die trotz gegenteiliger Bekundungen eine Abkehr vom Wald als einem Ökosystem im ursprünglichen Sinn des Wortes bedeutet. Ein Ökosystem im wissen- schaftlich-biologischen Sinne ist Lebensraum einer Biozönose. Unter Biozönose wird die Lebensgemeinschaft aller Organismenarten eines Lebensraums verstanden.

Waldbauliche Interessenverbände und unter deren Einfluss zunehmend auch Gesetzgeber und zuständige Teile der Ministerialbürokratie des Bundes und vieler Bundesländer – dazu gehört leider auch Brandenburg – reden zwar vom Wald als Ökosystem und preisen dessen Funktionen für die Gesellschaft, verstehen darunter aber lediglich einen Teil der Waldflora und verfolgen nahezu ausschließlich profitorientierten Waldbau. Insbesondere Wälder der öffentlichen Hand, also Wälder, die allen Menschen unseres Landes gehören, stehen unter großem Druck und sollen nach Ansicht der Finanzminister schwarze Zahlen schreiben und den Steuerzahler kein Geld kosten. Wenn die Finanzminister von der Forstwirtschaft schwarze Zahlen fordern und diese durch Personalabbau und Holzverkauf realisieren wollen, dann müssen den Kosten auch die Gesamtleistungen des Waldes gegenübergestellt werden.

Forst Brandenburg – miserabel organisiert

Hier sind es besonders die Gemeinwohlleistungen des Waldes, die in keiner Art und Weise berücksichtigt werden, weil noch keine geeigneten Methoden zu deren Bewertung zur Verfügung stehen. Ich bin mir sicher, dass die Mehrheit der Steuerzahler sich den Erhalt intakter Waldökosysteme – Wald mit Wild – sehr wohl etwas kosten lassen würde. Die Dauerreform des Landesforstbetriebs mit dem Ziel der Kostenersparnis hat letztlich zu ineffizienten Strukturen geführt. Daran wird auch eine weitere Reform (Evaluation des LFB, „Management-Summary über wesentliche Untersuchungsergebnisse“ vom 18.01.2021 durch BSL Managementberatung) nichts ändern, solange Kostenersparnis um jeden Preis die Maxime bleibt.

Es ist höchste Zeit, hier umzusteuern.

In den letzten Jahren lassen sich Veränderungen zum Nachteil des Wildes im Ökosystem Wald am Wirken einzelner Personen im dafür zuständigen Ministerium Ihrer Regierung festmachen. Hier besteht von Ihrer Seite und von Seiten des zuständigen Fachministers dringender Handlungsbedarf! Mit dieser Aussage weiß ich mich in Übereinstimmung mit der großen Mehrheit der Jägerschaft unseres Bundeslandes.

Waldumbau – bitte richtig!

Die Trockenheit der letzten Jahre und Käferkalamitäten im Zeichen des Klimawandels haben waldbauliche „Sünden“ der Vergangenheit und Gegenwart klarer als früher zu Tage treten lassen. Die betroffenen Flächen stellen allerdings lediglich einen sehr kleinen Anteil unserer Waldfläche dar. Ob der derzeit geradezu zwanghaft propagierte Waldumbau zu „klimastabilen Mischwäldern“ Erfolg haben wird, ist fraglich, da niemand das Klima in 50 Jahren kennt und entsprechend niemand weiß, welche Baumarten dann angepasst sein werden. Und eines muss absolut klar sein. Trockenheit und Borkenkäfer verschwinden nicht, selbst wenn das letzte Reh totgeschossen würde. Auf einigen Brandflächen unseres Landes beginnt die natürliche Sukzession ohne Zutun des Menschen. Es entsteht Wald; Kiefer und Birke machen den Anfang.

Die seit 1995 zu beobachtende Sukzession auf dem ehemaligen Schießpatz Jüterbog zeigt nachdrücklich, dass Wald auch ohne den Menschen und mit Wild entsteht. Ist das nicht der klimastabile Mischwald, den wir uns wünschen, oder ist er der Wald-vor-Wild-Lobby nicht wertvoll genug? Es gibt zudem viele Privatwaldreviere, die das Prinzip Wald mit Wild erfolgreich praktizieren.

Beispiele

Nun möchte ich Ihnen, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, einige konkrete Punkte aufzählen, die mich zu diesem Brief an Sie veranlasst haben:

Seit 2014 wird in Brandenburg Rehwild ohne Abschussplan bejagt. Selbst Inhaber des Jagdrechts, also Landeigentümer von Flächen, haben in Gemeinschaftlichen Jagdbezirken keinerlei Einfluss mehr auf die Rehwildbejagung. Damals wurde auch die Bockjagd bis in den Winter verlängert.

Zum Resultat zwei Zitate aus Landesjagdberichten:

Jagdjahr 2014/15:

„Die mancherorts nötige Reduzierung überhöhter Bestände kann nur über den vermehrten Abschuss weiblichen Wildes realisiert werden. Es ist daher zu hoffen, dass die sich abzeichnende Tendenz zu verstärktem Bockabschuss auch durch eine weitere Steigerung des Rickenabschusses ergänzt wird.“

Jagdjahr 2016/17:

„Gegenwärtig muss festgestellt werden, dass die mit den jagdrechtlichen Veränderungen seit 2014 angestrebte Reduzierung des Rehwildbestandes nicht erreicht werden kann, weil landesweit deutlich zu viel männliches Rehwild erlegt wird. Zukünftig muss mehr Gewicht auf die Einhaltung der in der Bewirtschaftungsrichtlinie geforderten Geschlechteranteile gelegt werden, denn die Erhöhung der Gesamt-Rehwildstrecke mittels Erhöhung des Bockabschusses wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die gewünschten Effekte auf die Wildschadenssituation im Wald erzielen.“

Abgesehen davon, dass es nur noch unregelmäßig Landesjagdberichte gibt, sollen dem Vernehmen nach nun solche Analysen (siehe obige Zitate) nicht mehr im Jagdbericht erscheinen. Offenbar gibt es bei der Obersten Jagdbehörde eine gewisse Verweigerung, Fehler der Vergangenheit zu realisieren und zu korrigieren. Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass die Abschaffung von Abschussplänen ein Fehler ist, denn nur über diese können die notwendigen Populationsstrukturen erreicht werden.

Zudem verdeutlichen Abschusspläne vielen Jägern die Notwendigkeit, möglicherweise zu hohe Wildbestände zu reduzieren. Mir und vielen anderen Jägern ist völlig unverständlich, weshalb im gesamten Land Rehwild derart rabiat und unbarmherzig bejagt werden soll. Der Anteil des Landeswaldes und einiger privater Waldbesitzer, die sich gleichen Argumenten anschließen, an der Landesfläche beträgt keine 10%. Rehwild kommt auf der gesamten Landesfläche vor und ist in der Agrarlandschaft die bedeutendste Niederwildart, zu deren Erhalt eine Reihe von Maßnahmen notwendig ist.

Der Tierschutz bleibt auf der Strecke

Der Organismus von Reh und Hirsch ist von Mitte Dezember bis März auf Winterruhe mit geringem Äsungsbedarf und wenig Bewegung programmiert. Erzwungene Aktivität durch Bejagung im Januar führt ebenso unweigerlich zu hausgemachten Wildschäden wie Bejagung im April, wenn das Wild auf Offenflächen frisches Grün sucht. Vertreibt man es nämlich von dort, wird es andern Orts zu Schaden gehen. Nur zwei Monate Schonzeit widersprechen dem im Grundgesetz verankerten Tierschutz! Nach unserem Tierschutzgesetz dürfen keinem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zugefügt werden. Wird Wild über einen Zeitraum von 10 Monaten bejagt, bedeutet das Leiden für die Tiere. Wildbiologen reden heute von einer „Landschaft der Angst“, in der das bejagte Wild leben muss. Die nochmalige Verlängerung von Jagdzeiten ist wildbiologisch völlig unsinnig, da höhere Wildschäden provoziert werden, und zudem ist sie tierschutzwidrig. Es kommt darauf an, eine gesunde Balance zwischen Tierschutz und Waldumbau zu finden. Davon sind wir noch weit entfernt.

In der DVO von 2019 zum Jagdgesetz, die dem Wild de facto Schädlingscharakter bestätigt, wird mit einem Mindestabschuss operiert, der im Jagdgesetz nicht definiert ist. Der Sinn eines Abschussplans besteht darin, nach Ende der Jagd am 31. Dezember einen Wildbestand zu haben, der an die Landeskultur angepasst und gesund ist, also nach Geschlecht und Altersklassen möglichst naturnah gegliedert ist und entsprechend seiner natürlichen Sozialstruktur leben kann. Wie will man dieses gesetzliche definierte Ziel erreichen, wenn vollkommen beliebig in den Wildbestand eingegriffen wird? In dieser VO wird die Vogelbeere (Sorbus aucuparia) ohne Ermächtigungsgrundlage im Jagdgesetz als eine von sechs Baumarten genannt, die auf einem Hektar ohne Beeinträchtigung durch das Wild hochkommen können muss; falls nicht, ist alles weibliche Wild im sog. Mindestabschuss frei. Der resultierende Wildbestand kann nicht gesund sein! Das ist etwa so, als stelle man ein wohlschmeckendes Mittagsmahl auf den Tisch einer Schar Hungernder und erwarte, dass es nicht angerührt wird.

Das ist allerdings in diesem Fall kein Realitätsverlust der Jagdbehörde.

Das ist Absicht, um Wild erbarmungslos bejagen zu können, weil es angeblich den Wald auffrisst. Einige Daten der Bundeswaldinventur lassen denn doch gewisse Zweifel an den Erzählungen der Wald-vor-Wild-Lobby aufkommen. Durch Anlage von unbejagten Äsungsflächen für Schalenwild im Wald ließe sich die Wildschadensproblematik deutlich entschärfen.

Im Zusammenhang mit der geplanten Jagdrechtsnovelle hat Herr Dr. Leßner (MLUK) in einem Fernsehinterview die Frage gestellt, ob denn nicht jedem Waldbesitzer auf seinen Flächen, und seien sie nur einen Hektar groß, die Jagd ermöglicht werden müsste. Abgesehen vom Aspekt Sicherheit bei der Jagd wäre das ein Rückfall in die Zeit gleich nach der Revolution von 1848. Bevor damals das Jagdausübungsrecht an Mindestflächen gebunden wurde, standen einige Wildarten auf dem Aussterbeetat.

Ist das ein Ziel der Landesregierung?

Unintelligente ASP-Regelung

Bis 31.04.2021 zahlt das Land angesichts des ASP-Ausbruchs Erlegungsprämien für Wildschweine. Der Bezug auf die Schwarzwildstrecke eines bestimmten Referenzjahres war extrem unglücklich, werden dadurch doch Jäger belohnt, die im Referenzjahr nur wenige Sauen erlegt haben. Im Protokoll-Entwurf der 17. (öffentlichen) Sitzung des Ausschusses für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz ist nun Folgendes zu lesen:

„Herr Dr. Leßner (MLUK) beantwortet die Fragen wie folgt: Hinsichtlich der Erlegungsprämie ab 01.04.2021 habe sich das Ministerium mit dem Jagdbeirat darauf verständigt, den Fokus ausschließlich auf weibliche Wildschweine und zwar speziell auf die sogenannten Zuwachsträger (Bachen und Überlaufbachen, Altersklasse 1 und 2) zu legen und ausschließlich für diese eine Prämie auszuloben. Mithin werde es ab 01.04.2001 keine Prämie mehr für Frischlinge und Keiler geben.“

Eine Reihe von Untersuchungen, insbesondere solche der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Arbeitsgruppe Prof. Pohlmeyer) zeigen eindeutig, dass Frischlinge und Überläufer bis zu 80 Prozent des Jahreszuwachses bringen können, also die eigentlichen Zuwachsträger darstellen. Mit der Erlegung einer älteren Bache kann man nur noch deren Restreproduktionsleistung verhindern. Frischlinge werden heute wegen der enormen Fraßmengen, die Landwirtschaft und Wald kontinuierlich liefern, meist schon mit fünf Monaten geschlechtsreif. Durch Erlegungsprämien die vorrangige Erlegung erwachsener Bachen der Altersklasse 2 zu stimulieren, wie es Herr Dr. Leßner nach Informationen aus dem Landesjagdbeirat ursprünglich wollte, geht an wildbiologischen Erkenntnissen weit vorbei.

Es ist skandalös, wenn einem hohen Verwaltungsbeamten und seinen Mitarbeitern offenbar elementare und für ihr Ressort notwendige Kenntnisse fehlen.

Das Projekt „Artenreiche Flur Groß Kreutz“ war international bekannt und wurde bereits 1995 vom damaligen Bundespräsidenten ausgezeichnet. Die institutionelle Förderung des Projekts aus Mitteln der Jagdabgabe wurde, kurz nachdem Dr. Leßner Leiter der Obersten Jagdbehörde geworden war, gestrichen. Für die Jägerschaft ist es unerträglich, wenn ein Beamter der Ministerialbürokratie nach Gutsherrenart über die Vergabe von Jagdabgabemitteln verfügt, obwohl die von Jagdscheininhabern aufgebrachten Mittel ausschließlich gruppennützig verwendet werden dürfen.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

sehen Sie bitte nicht weiter zu, wie unter der Prämisse Wald vor Wild Tierschutz mit Füßen getreten wird. Vor allem im Landeswald, Eigentum aller Bürger unseres Landes, darf Waldbau, der eigentlich Vorbildcharakter haben sollte, nicht ausschließlich profitorientiert betrieben werden.

Mit freundlichem Gruß

Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel

Offener Brief Dr. Woidke

Wer nicht schießt, muss zahlen – Schadenstabelle pro Baum?

 

Waldschaden_1

Dieser Artikel in der „Märkischen Oderzeitung“ (MOZ) vom 9. Januar hat zu einer lebhaften Diskussion vorwiegend im Internet geführt. Die bewegt sich von töricht über abstrus bis ernsthaft, wie das immer so ist.

Aber so richtig sachlich sind die Beiträge und Wortmeldungen fast alle nicht.

Jedoch meint Axel Plümacher in jagdblog.blogspot.com ganz richtig, an dieser Diskussion müsse sich die Jägerschaft beteiligen: „Dazu braucht man gute Leute, dazu braucht´s Ideen“.

Beides haben wir – also: legen wir los!

Die Märkische Oderzeitung ist bekannt dafür, dass ihre Berichte über Jagd und Wald an zahlreichen Fehlern zu kranken pflegen – ziemlich unverständlich, wenn man bedenkt, dass diese Zeitung in Brandenburg, einem der waldreichsten und jagdlich bedeutendsten Bundesländer, zuhause ist. Dagegen ist halt kein Kraut gewachsen – Leserbriefe und Online-Kommentare sind eher zwecklos.

Nun muss man dem Blatt allerdings fairerweise zugute halten, dass keineswegs aller Unsinn auf das Konto des jeweiligen Redakteurs geht, denn etliches davon stammt auch von Gesprächspartnern, die im Laufe von zumeist ziemlich planlosen Befragungen – von Journalisten gern als „Recherche“ bezeichnet – geäußert werden.

Einige wenige Beispiele

Ein schöner Beleg für unsere unfreundliche Kritik ist der erwähnte Artikel. Neben seinem Kernthema „pauschalierter Waldschadens-Ersatz“, zu dem wir uns später noch äußern, wird wieder – vielleicht wäre der Artikel sonst zu kurz und das Autorenhonorar zu mickrig geworden – allerlei Falsches, Irreführendes oder Missverständliches berichtet. Wir wollen das nicht zu breit auswalzen, aber einiges reizt denn doch zum Widerspruch. So dürfte es eine Erfindung sein, dass es in Brandenburgs Wäldern so viel Wild gibt wie nie zuvor. Ebenso falsch ist die Behauptung, für das Feld sei der Wildschadenersatz klar geregelt, für den Wald nicht. Geradezu töricht ist es, wenn Behörden blauäugig empfehlen, die Jagdgenossenschaften – für den Wald dürften das stattdessen vorwiegend die Waldeigentümer sein – sollten mit den Jagdpächtern vollen Wildschadensersatz anstelle von Wildschadenspauschalen vereinbaren, das motiviere die Jäger zu höheren Abschüssen; das ist aus mehreren Gründen weder logisch noch vernünftig noch (gerade in Brandenburg) gesetzeskonform noch durchsetzbar. Und dass die Landbesitzer Wildschaden im Feld „quasi untereinander“ bezahlen, ist, mit Verlaub, Unsinn.

Ein Skandal, weil absolut rechtswidrig, und zudem unlogisch und schlichtweg dumm wäre es, wenn folgende Meldung der Zeitung stimmen würde: „Da eine Verlängerung der Jagdzeit in Bezug auf Rehböcke durch eine neue Verordnung vor zwei Jahren gescheitert war, wird den Förstern und Jägern nun offiziell vom Dienstherren empfohlen, Ausnahmegenehmigungen zum Abschuss vorwiegend von Rehböcken auch außerhalb der Jagdsaison zu beantragen.“ Hier hat sich der Autor Ulrich Thiessen hoffentlich verhört!

Aber lassen wir das mal gegenwärtig auf sich beruhen – Unsinn wird ja glücklicherweise auch durch „brutale Vereinfachung und hämmernde Wiederholung“ nicht richtiger. Kümmern wir uns lieber um den Versuch, Waldschäden durch Wild tabellarisch zu erfassen und damit Schadensersatzforderungen pauschal zu begründen – denn das geht in erster Linie uns an, die Jäger!

Die Schadenstabelle pro Baum?

Waldschaden_2Nun soll durch das Landeskompetenzzentrum Forst (LFE) in Eberswalde angeblich „für Brandenburg eine Schadenstabelle erarbeitet werden, die regelt, wie viel für einen verbissenen jungen Baum gezahlt werden muss. Die Summe wird genau nach Alter und Art des Baumes festgelegt und hängt davon ab, ob das Bäumchen überhaupt noch zum Holzertrag geeignet ist oder um wie viele Jahre sich sein Wachstum verzögert. Besonders berücksichtigt wird außerdem, ob durch den Verbiss ein geplanter Mischwald zu einer Monokultur wird.“

Auch hier hoffen wir, dass sich Herr Thiessen verhört hat, soll ja vorkommen. Denn die Schadensberechnung von Wildschäden im Wald ist eine höchst komplexe Angelegenheit, die zudem noch in vielerlei Hinsicht umstritten und ausserdem mit geltendem Zivilrecht nur schwer vereinbar ist. Und neu ist sie auch nicht, auch nicht in Tabellenform.

Mit einem tabellarisch festgelegten Wert pro Baum geht das nämlich nicht!

Nicht, dass es nicht schon an Versuchen gefehlt hätte, Wildschäden im Wald mit vereinfachten Formeln „gabelfertig und mundgerecht“ zu erfassen und festzulegen. Schon der Zeitungsartikel verweist auf das Gutachten des Deutschen Forstwirtschaftsrates vom Januar 2013, hat das aber weder gelesen noch gar kapiert – die Behauptung, danach würde ein Laubbaum mit € 1,20 plus 30 Cent je Lebensjahr und eine Kiefer mit 45 Cent zu entschädigen sein, ist, mit Verlaub, barer Unsinn. Das grundsätzlich tadellos begründete Papier, das eine Einigungsgrundlage für die gütliche Regelung von Forstschäden sein soll (deshalb heisst es auch „Bewertungskonvention“) ist erheblich komplexer. Es enthält in der Tat eine Formel zur Berechnung des Schadensersatzbetrages, die sich zusammensetzt aus fiktiven Durchforstungserlösen zu bestimmten Zeitpunkten, Abtriebserlösen, Umtriebszeiten und einem festgesetzten Kalkulationszinssatz, alles auf der Basis einer bestimmten Bewertungsmethode. Natürlich, wie könnte es anders sein, ist diese Formel angreifbar. Das Werk verwertet eine Fülle von Literatur und Quellen und ist in weiten Teilen lesenswert.

Das gilt auch für eine Vielzahl weiterer wissenschaftlicher (und gelegentlich weniger wissenschaftlicher) Veröffentlichungen, die das LFE natürlich alle kennt.

Einfacher zu lesen, vor allem aber rechtlich sehr fundiert ist die Analyse eines BGH-Urteils vom 04.11.2010 – III ZR 45/10 – von Fabian Müller vom Institut für Forstökonomie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Der stellt zunächst richtig fest: “Der Ersatz wie auch die monetäre Bewertung von Verbissschäden im Wald sind aus juristischer wie auch methodischer Perspektive sehr umstritten” .

Interessant und für die kontroverse Diskussion sehr belebend sind die Ausführungen von Suchant, Ammer und Reimoser in „FVA-einblick“ der forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (Nr. 3, Dezember 2011). Eine ebenfalls hochkomplexe Bewertungsformel für Wildschäden im Wald findet sich ferner in der vielzitierten „Verfahrensbeschreibung BISS“ des Systems gleichen Namens (Betriebszielorientierte Inventur und Schadensbewertung von Schalenwildverbiss) der HNE Eberswalde aus dem Jahre 2010

Zu den Zahlen- und Tabellenanhängern zählt auch das Ministerium für Forsten Umwelt und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz, das im Mai 2006 ein paar schöne „Hilfstabellen für die Bewertung von Verbiss- und Schälschäden“ herausgegeben hat. Wer diese Zahlen glaubt, kann sie benutzen – wir halten sie für simpel und nicht qualifizierbar genug. Und besonders schön haben es die Sachsen. Die haben, oder hatten 2004 jedenfalls, „Das Lebensministerium“ – sowas muss einem mal einfallen – in welchem es ein Landesforstpräsidium gab (heute wohl Staatsbetrieb Sachsenforst), dessen Referent für Waldbewertung und Inventuren Michael Schmid unter dem Titel „Wildschadensschätzung im Wald“ ein Qualifizierungsseminar für Wildschadensschätzer verfasst hat. Das bietet auf 62 (!) Seiten und auf rechtlichen Bewertungsgrundlagen, die wir für angreifbar, wenn nicht gar falsch, halten, und unter Verwendung der sächsischen Waldwertermittlungsrichtlinie „Waldwert 2000“ allerlei übernommene und selbst erfundene Formeln und schöne Tabellen, eine sehr gründliche tour d´hozizont durch die Waldschadensbewertung, garniert mit eindrucksvollen Bildern.

Absolut lesenswert und lehrreich, hätte dem Journalisten der MOZ mal zeigen können, wie komplex die Materie ist, die er so schlenkerhaft vor dem Leser ausbreitet. Hätte ihn aber wahrscheinlich überfordert, nehmen wir mal an.

Wir könnten noch ellenlang in die Literatur einsteigen, aber das lassen wir jetzt -. Es ist wohl klar geworden, wie das Problem aussieht. Eines sagt Müller in Auswertung des BGH-Urteils ganz richtig: “…sind die Gerichte der Meinung, dass sich der Umfang des Schadensersatzes von Verbissschäden an der Sachwertminderung des Bestandes zu orientieren hat und nicht an zukünftigen verbissbedingten Ertragseinbußen, da diese nur mit großer Unsicherheit vorhersehbar sind“. Hier könnte dieser Blogbeitrag bereits enden, denn das erledigt die Betrachtung des fiktiven Zukunftsschadens pro Baum!

Das deutsche Schadensrecht

Wie man sieht, haben wir es hier mit einer sehr anspruchsvollen Materie zu tun. Sie hat eine Menge des „Schweißes der Edlen“ (frei nach Klopstock) gekostet und eine Fülle kompliziertester Formeln und Tabellen hervorgebracht. Wenn es stimmt, dass das LFE in Eberswalde sich in diese Bemühungen einreihen will, dann hat es sich ganz schön was vorgenommen. Es könnte, wie das gerade für Forstleute so schön gesagt werden kann, „auf dem Holzweg“ sein.

Denn der Ursprung von allem liegt im deutschen Schadensersatzrecht. Inzwischen ist rechtlich ausgepaukt (nach zahlreichen abweichenden Rechtskonstruktionen in der Literatur mit völlig unterschiedlichen Rechtsfolgerungen), dass Wildschaden nach dem bürgerlichen Gesetzbuch zu beurteilen ist. Es handelt sich um eine verschuldensunabhängige Gefährdungshaftung, die nach zivilrechtlichen Grundsätzen des Rechts der unerlaubten Handlung ausgestaltet ist, was einen vollen Ersatz des Schadens einschließlich von Folgeschäden und entgangenem Gewinn einschließt.

Das kann man bedauern oder blöd finden, aber so isses!

Allerdings enthalten weder § 29 BjagdG noch § 249 BGB eine Definition dessen, was „Schaden“ eigentlich ist. Einigkeit herrscht darüber, dass er eine Vermögenseinbuße ist. Aber wie wird die bemessen? Nach § 31 BJagdG ist auf den Zeitpunkt der Ernte abzuheben. Auf den kann der Forstmann aber natürlich nicht warten. Also muss die zukünftige Einkommenseinbuße geschätzt und dann abgezinst ausgeglichen werden, und zwar in Geld.

Und da liegt der Hase im Pfeffer! Allerdings nicht im Wald, denn er verursacht keine Wildschäden.

Daher kommen nämlich die mathematischen Verrenkungen zur Ermittlung eines wahrscheinlichen in vielleicht 50 oder 80 oder so Jahren sich materialisierenden Vermögens-Minderwertes.

Der aber, und das ist das nach unserer Ansicht letzlich unlösbare Dilemma all dieser Schadensbewertungen, hängt ja nicht nur von der im Meldezeitraum (jeweils ein halbes Jahr nach Entstehung) geschätzt quantifizierten Schädigung eines noch jungen Baumes ab, der zum „Schadenszeitpunkt“, weil ihn dann sowieso keiner kaufen würde, noch garnichts wert ist – alles schon angreifbare Einzelheiten. Denn bis zur Reife passiert im Leben eines Baumes viel – vielleicht muss er sowieso gefällt werden, um den Bestand auszulichten, vielleicht fällt er Rückeschäden zum Opfer, vielleicht erwischt ihn der Eichenprozessionsspinner, oder sonstwas. Und wer weiß denn, ob die Menschen in 50 Jahren überhaupt noch Eichenfurnier haben wollen oder sich leisten können, und was der Klimawandel mit unseren Wäldern macht, und so weiter und so fort! Dazu sollte man unbedingt Müller lesen, der das anhand der Rechtsprechung des BGH hervorragend darlegt; allerdings ist er wie das Gericht der Ansicht, man könne letztlich einen Schaden feststellen. Wir halten das für eher, sagen wir mal, schwierig!

Vor allem: das deutsche Schadensersatzrecht kennt noch einen miesen Ausweg für den Ersatzpflichtigen: ihm darf nämlich nie die Möglichkeit abgeschnitten werden, einen anderen als den hypothetischen Schadensverlauf zu beweisen!

Und das verbietet eine formelhafte oder tabellarische festgelegte Schadenshöhe!

Lange Rede kurzer Sinn: Lassen wir das verdienstvolle LFE ruhig weiter werkeln, und regen wir uns nicht auf. Kein vernünftiger Jäger wird heute noch vollen Wildschadensersatz übernehmen, und kein Ersatzpflichtiger wird sich seine Rechte durcBaumschutzh wissenschaftlich angreifbare Formeln und Tabellen nehmen lassen. Waldbewirtschaftung und Wildbewirtschaftung sind zwei einander berührende und sich zum Teil überschneidende Nachhaltswirtschaften, die beide gesamtgesellschaftliche Aufgaben sind und nur im öffentlichen Interesse und damit im Interesse unseres Waldes und unseres Wildes betrieben werden können, wenn alle Beteiligten guten Willens sind.

Deshalb bin ich sicher:

Das LFE wird alle diese Worte behalten und in seinem Herzen bewegen (Lukas 2:19).

Ihr Dr. Wolfgang Lipps